Montag, 25. Januar 2016

. gedankenfetzen | no.1




Im Wandel.


Die Augen müde von ihrer langen Reise durch die Nacht. Sie ist ihren Träumen nachgelaufen, in der Hoffnung sie einzufangen. Sie kann es noch spüren. In ihren Gliedern. In der Schwere ihrer Muskeln. Immer weiter ist sie gelaufen. Und weiter. Immer schneller und schneller. Und dann, noch ein bisschen schneller. Und mit jedem Schritt wuchs das Gefühl, dass der nächste sie zum fliegen bringen könnte. Fast schwerelos. Den Blick fest an ihre Träume geheftet. Um sie nicht zu verlieren. Um sich nicht zu verlieren. Auf ihrem Weg durch die Nacht.

Schlaftrunken hinterlässt sie Spuren auf ihrem Weg. Vor ihr, Traumgespinnste. Gesponnen aus Hoffnungen, Ängsten & Wünschen. Und während sie in dem einen Moment zum greifen nah erscheinen, verflüchtigen sie sich im nächsten Augenblick. Als würde ein Blinzeln sie fortwischen. Ein Muskelzucken sie wegschleudern. Tiefer hinein in die Nacht, während der frühe Morgen schon naht. Ein weiteres Blinzeln und ihre Füße verlieren ihren Halt. Der Blick verwischt und mit ihm die Sicht auf ihre Träume. Kaum mehr wahrzunehmen, sind sie. Viel zu weit weg. So. Weit. Weg.

Die Sonne schiebt sich leise in den Morgen hinein und ihre Lider flattern. Noch ein kurzer Blick zurück. Wehmütig fast, mit dem Gefühl auf dem Weg etwas verloren zu haben. Sie schlägt die Augen auf und mit leeren Händen liegt sie in ihrem Bett zwischen all den, noch traumwarmen, Kissen.

Ein Gefühl der Leere breitet sich in ihr aus. Zu wissen, dass etwas fehlt, lähmt. Lässt die Glieder noch schwerer werden, verschließt ihre Augen erneut. Der Wunsch danach, sich die Decke über den Kopf zu ziehen, dem hier und jetzt noch einmal zu entfliehen und ihre Träume vielleicht doch noch zu erhaschen, wächst mit jedem Atemzug.

Und doch weiß sie, der Moment des Aufstehens naht unausweichlich. Sie muss dem Tag gegenübertreten, mit leeren Händen. Nur der vage Gedanke an das was ihre Träume sein könnten ist noch da.
Und mit ihnen der Hauch einer Ahnung, wer sie ist.

Mit dem nächsten Atemzug öffnet sie ihre schweren Lider. Sammelt all den Mut den sie noch in sich finden kann, den die Nacht nicht auf ihrem Weg verschluckt hat, und schält sich aus ihrem Bett. Und es scheint als würde mit dem Abdruck ihres Körpers auch ein Stück von ihr selbst, auf der Matratze, zurückbleiben.

Sie stolpert vorwärts. Vorbei an den, noch zusammengefalteten, Kartons, in denen sie ihr Leben verstauen soll. Der Boden unter ihren Füßen ist eisig. Es scheint als würde ihr Atmen gefrieren, sobald er die innere Wärme ihres Mundes verlässt. Ein Frösteln. Ein Seufzen. Ein Straucheln und Stolpern. Schlaftrunken und den Gedanken der Nacht nachhängend bahnt sie sich ihren Weg. Sie streift durch die Räume, auf der Suche nach dem einen. Es ist ein Zuhause und doch nicht. Nicht mehr. Alles um sie herum ist im Aufbruch. Auch in ihr macht sich ein Gefühl des Umbruches breit. Vage nur, kaum greifbar und doch, da. Und während ihre Gedanken sich im Kreis drehen, wirbeln und sich winden, erreichen ihre Füssen diesen einen Raum. Ihre Rettungsinsel im Chaos des Lebens um sie herum. Die Küche, der einzige Raum wo alles noch an seinem Ort steht. Wo alles noch ist, so wie es war. Noch ein Stück zuhause wohnt.

Sie könnte sich mit geschlossenen Augen in ihr bewegen. Und vielleicht tut sie das auch. Jeder Handgriff sitzt. Die Kaffeetüte aus dem Regal wandert wie von allein in ihre Hand und von dort aus in die kleine Kaffeemühle an der Wand. Das mahlen, irgendwie beruhigend. Der Duft von frischen Kaffeebohnen steigt in ihre Nase und hinterlässt eine leise Spur der Erinnerung. Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen. Manche von ihnen sind nur ein Hauch von dem, was sie einmal waren. Und doch sind sie da. Vermischen sich mit der Sehnsucht nach ihren Träumen, nach ihr selbst. In dieser Sehnsucht gefangen, stellt sie die kleine Kanne auf den Herd und lauscht dem Kaffee beim aufkochen. Fragmente ziehen an ihren Augen vorbei. Leise Töne klingen in ihrem Ohr. Kaum hörbar, verdrängt das Laute sie doch schon seit so langer Zeit. Ungewollt. Oder doch gewollt. Es ist, als wüsste sie nicht mehr warum. Als hätte sie es in dieser Nacht vergessen.

Und während sie in ihrem Kopf immer noch nach einer Antwort sucht, verrichten die Hände ihre Arbeit und gießen den heißen Kaffee in einen der Becher. Sie umklammert ihn als wäre er das einzige, was sie noch in diesem Tag halten würde. Der Dampf steigt kräuselnd in ihre Nase und der erste Schluck fließt über ihre Zunge. Und es ist, wie ein kleines Stück ankommen. Für den Moment. Im Hier. Im Jetzt.



(gedankenfetzen die sich fortsetzen. immer weiter. und weiter. bis am ende der vorhang fällt.)