Dienstag, 9. Februar 2016

. gedankenfetzen | no. 3

Der Stift verweilt auf dem Papier. Verharrt auf dem letzten Buchstaben. In ihrem Ohr das leise plätschern der Regentropfen beim auftreffen auf dem Asphalt.Ihr Blick hebt sich. Sie sieht sie dem Regen dabei zu, wie er zur Erde fällt. Es scheint, als würde er magisch angezogen werden. Als müsste er fallen. Als hätte er keine andere Wahl als seinen Weg anzutreten. Dem unumgänglichen Fall entgegen.
Der Regen fällt und fällt. Und mit ihm fallen Erinnerungen. Ihre Erinnerungen. 
Bilder aus längst vergangenen Tagen. Sie taumeln zu Boden, an ihren Augen vorbei. 
Bilden Filme. Sequenzen.
Da sind Gesichter, Namen, Gefühle & Orte.
Da ist Angst, Trauer, Freude und Freiheit. Alles so dicht beieinander, dass man sie kaum voneinander unterscheiden kann. 
Sie möchte sie greifen. Sie festhalten. Um nie zu vergessen. Niemals.
Niemals wieder.

Und so mischen sich ihre Erinnerungen mit den stetig fallenden Regentropfen. 
Wirbeln zu Boden.
Ihre Augen folgen ihnen, heften sich fest. Halten. Fest. Ganz fest.
Diese eine.
Erinnerung.

---

Da ist dieser Junge, Momo, doch alle riefen ihn Mo. Sein Haar war blau wie das Meer. Das unbändige, weite Meer. So unbändig wie seine Seele. Zu allen Seiten stand es ab. Wirr. Wild. So wild wie sein Herz. In seinen Augen war die Sehnsucht. Diese große Sehnsucht nach dem Leben. Nach dem Sein. Dem einfach Sein. Sein dürfen.
Wenn er lachte, dann von ganz tief drinnen. Es war ein raues Lachen, das sich seinen Weg von ganz weit unten, aus dem Bauch heraus, bis zu seiner Kehle bahnte. Dort blieb es stecken, für einen kurzen Moment. Und während seine Mundwinkel sich ihrerseits ihren Weg bahnten, brach es aus ihm heraus. Schallend. Ungezähmt. Laut. Und riss alle mit sich mit. Alle.
Auch das Mädchen am Rand. Das Mädchen mit den großen grünen Augen und dem Flattern im Herzen. Das Mädchen, dass so vieles verloren hatte. Nur nicht, sich selbst. Und auch nicht ihre Träume. Sie hatte vielleicht den Weg verloren, nicht aber den Willen zu gehen. Und auch nicht, die Hoffnung. Und die Liebe. Ein großes Wort, viel zu groß. Kaum zu begreifen. Denn so viel wusste sie nicht darüber. Kaum etwas. Fast nichts. Aber sie kannte das Gefühl. Und den Wunsch danach. Sie kannte die Sehnsucht und das Flattern im Herzen.
Vom Rand aus folgten ihre Augen seinen Mundwinkeln. Sein Lachen schlug wurzeln in ihrem Bauch. Und sie wünschte, es würde nie enden. Niemals.

Er war ein Träumer. Er wollte Leben. Ein Leben, wie es ihm gefällt. Lebenskünstler der er war. Und manchmal konnte sie die Welt mit seinen Augen sehen. Dann saßen sie beieinander, auf der Treppe hinterm Jugendhaus. Sie saßen und ließen Gedanken kreisen. Ihre Herzen formten Worte, die ihr Münder verließen, um sich bei dem Anderen auf die Schulter zu setzen und ihm ins Ohr zu flüstern.
Dann träumten sie gemeinsam, von der Freiheit, der großen Kunst des Lebens und dem Sein.
Ihre Schultern berührten sich, hin und wieder. Und wenn sie ihren Kopf nur ein kleines Stück zur Seite neigen würde, würde er auf seiner Schulter zum liegen kommen. Sie tat es nie. Nicht ein einziges Mal.
Sie teilten sich ihre Zigaretten. Immer.
Ihre Fingerspitzen berührten sich. Jedes Mal. 
Und das allein, war genug.
Sie waren. Einander. Genug.
Für den Moment. Diesen kleinen Augenblick auf der Treppe, den Traumwolken folgend.

Und dann gab es diese traurigen Momente. So voller Angst. Dann, wenn das Leben mit voller Wucht kam und ihnen beiden die Luft nahm. Dann waren alle Worte zu viel und alle Gedanken zu groß.
Wie jung sie doch waren. Zu jung für diese Wucht des Lebens. Viel zu jung. Und doch war es da und wollte, musste, gelebt werden. Weil es das Einzige war. Und während die Traurigkeit und die Angst sein Lachen verwischen ließen, hielt sie ihren Kopf über Wasser. Sie hatte schwimmen gelernt. Er nicht.
Sie wollte seine Hand nehmen und halten. Ihn mit sich ziehen. Auch seinen Kopf über Wasser halten. Ihm Rettungsinsel sein. Aber ihr fehlte die Kraft dafür. Seine Angst ließ ihn so schwer werden. So schwer.
Und er verschwand. Wie sonst auch. Wie er es immer tat, wenn der Regen begann. Sein Platz auf der Treppe blieb leer. Der Wind trug sein Lachen fort. Und von seinen Worten war nur noch ein leises Wispern zu hören.
Aber nach jedem Regen folgt Sonnenschein und nach jedem Winter kommt auch wieder ein Sommer. Ein Sommer, der die schwere nimmt und Tränen trocknet. Mit Leichtigkeit und Mut im Gepäck. Lebensmut. Einmal mehr. So wechselten die Jahreszeiten. Hin und Her.

Und eines Morgens waren sie wieder da, die Sonnenstrahlen und mit ihnen die Sommersprossen auf ihrer Nase. Sie zogen sie, hinaus. Ihre Füßen folgten jenen verschlungenen Wegen, die sie blind hätte laufen könnte. Schon von weitem konnte sie es hören. Das raue Lachen. In ihr wuchs das wilde Gefühl von Freiheit und in ihrem Herz begann das Flattern. Nur noch um die Ecke und sie konnte seinen wilden, blauen Schopf sehen. Da saß er, als wäre er nie weg gewesen. Auf der Treppe. Der Platz neben ihm leer. Und sie wusste, er würde für immer ihr gehören. Daran würde kein Winter der Welt etwas ändern können. Ihr Blicke trafen sich. Leise. Wissend. Ihre Beine trugen sie durch die Menge, ließen sich nieder. Auf dem Platz an seiner Seite.
Der Winter hatte an ihm gezerrt. Es schien als hätte er ein Stück von sich verloren, auf dem Weg zurück. Vielleicht würde er es im Sommer wieder finden. Vielleicht müssten sie einfach wieder ihre Gedanken auf die Reise schicken und Worte fliegen lassen. Vielleicht würde die Angst dann weichen und das Leben seine Wucht verlieren. Vielleicht wäre sein Atem dann wieder lang und sein Lachen so rau wie im letzten Sommer. Vielleicht. Vielleicht.
Sie ließen eine Zigarette hin und her wandern. Der Rauch kräuselte sich zwischen ihnen und ihre Fingerspitzen berührten sich. Seine waren kalt. So kalt.

Und dann fielen Worte aus seinem Mund. Zaghaft, leise und behutsam, aus Angst sie könnten am Boden zerschellen. Er sagte, das der Winter lang gewesen wäre. Viel zu lang. Das der Sommer eine halbe Ewigkeit auf sich warten hat lassen. Er sagte, er würde seinen Träumen nachlaufen müssen. Sie einholen. Und das Leben finden. Das Leben, welches er zu leben träumte. Vielleicht, würde er schwimmen lernen müssen. Aber erstmal müsse er anfangen zu laufen. Irgendwohin. Da wo er die Freiheit finden würde. So glaubte er. So sagte er. Seine Finger zitterten. Ihr Herz begann zu schmerzen.
Ein Wort fiel zu Boden.
Abschied.
Sie würde nicht mit ihm gehen können. Sie hatte doch schon längst schwimmen gelernt und der Sommer hat sie wieder warm werden lassen. Sie wusste längst, dass der Regen niemals von Dauer sein würde. So auch der Winter. Aber das alles, wusste Mo noch nicht.
Und sie konnte es ihm nicht erklären, er musste es selbst finden. Selbst lernen. Um zu verstehen.
Das Mädchen mit den grünen Augen blickte in die seinen voller Sehnsucht. Und flüsterte leise Buchstaben aneinander. Ob er wiederkommen würde. Ob er finden würde, was er sucht. Und das sie nichts von ihm hätte, was sie erinnern würde. An ihn. An das, was er ist. An das, was sie sind.
Das Flattern in ihrem Herzen. Es schmerzte. So sehr.
Schulter an Schulter saßen sie. Der Junge, Mo, stieß ein letztes raues Lachen aus. Drehte den Kopf zu ihr und seinen Lippen berührten ihre Stirn. Ein Hauch nur. Eine Erinnerung, die sie nie vergessen lassen würde. Niemals.
'Natürlich würde er wieder kommen. Wie könnte er nicht. Ist der Platz an ihrer Seite doch der seine', hauchte er leise in ihr Ohr.
Und dann stand er auf und ging. Ohne zurückzublicken. Abschiede lagen ihm nicht. Sie sah ihm dabei zu, wie er Schritt für Schritt verschwand. Sein wildes, blaues Haar tanzte dabei im Wind.

Und so verging der Sommer und mit ihm der Winter. Sein Platz auf der Treppe blieb leer.
Statt schwimmen, hatte er fliegen gelernt.

Was bleibt, ist die Erinnerung an sein Lachen, die leise Berührung an ihrer Stirn und das Gefühl seiner Fingerspitzen an den ihren.

Sie wünschte, sie hätte mehr Mut gehabt. Mut für sie beide. Sie wünschte, sie hätte ihm beigebracht zu schwimmen und ihm von dem Regenbogen erzählt, den der Regen im Sonnenschein hinterlässt. Sie wünschte, der Platz neben ihr wäre nicht leer.
Sie wünschte, sie hätte ihm von der Liebe erzählt und von dem Flattern in ihrem Herzen.
Sie wünschte, sie könnte sein Lachen noch ein letztes Mal hören. Ein letztes Mal an seiner Seite sitzen und Worte werden lassen. Einen letzten Sommer lang. Nur.
Ihr Finger strichen über den leeren Platz neben sich. Er würde immer ihm gehören. Ein Stück weit.
Sie würde nie vergessen.
Niemals.
Sie richtet sich auf und blickt in die Wolken hinauf. Es würde Regen geben. Und danach, Sonnenschein. 
Ganz bestimmt, Mo, ganz bestimmt.

Flieg.
Wohin auch immer.

Flieg.

---

Behutsam schließt sie die Hand über der Erinnerung an den Jungen mit den blauen Haaren und dem rauen Lachen. Sie hat ihn nicht vergessen. Niemals. Sie musste die Erinnerung nur wieder finden. Da war es, dass Flattern im Herzen. Und der Schmerz. Aber das alles ließ sie nur fühlen, das sie lebt. Das sie schwimmen kann und das sie ihre Träume immer noch erreichen kann. Sie blickt auf den Regen der aus den Wolken fällt. Ein Lächeln bahnt sich auf ihre Lippen. Sie weiß, jedem Regen folgt Sonnenschein.
'Es kann ja nicht immer regnen. Mo.'

Ihre Finger greifen nach dem Stift der vor ihr liegt. Die Tinte ist über das Papier gelaufen und hat eine feine Spur hinterlassen. Zwischen all den wortgewordenen Gedanken. Als würden sie sich miteinander verbinden. Sie würde weiterschreiben. Sie würde weiter suchen. Und sich dabei finden. Mit jedem Wort, jedem Satz, jeder Erinnerung und jeder Tintenspur auf dem Papier. Sie würde sich finden.
Weil sie schwimmen kann.


5.9.

Ich möchte, ich muss sie wieder einsammeln, die Erinnerungen. Meine Erinnerungen. Weil sie zu mir gehören, weil sie mich ganz machen.
Wer wäre ich ohne sie?
Wer bin ich jetzt schon, ohne sie?
Es scheint als hätte ich sie verloren. Irgendwo auf dem Weg hierher. Schritt für Schritt hab ich sie zurück gelassen. Weil ich musste! Weil ich wollte?
Vielleicht wollte ich vergessen. Wer ich bin.
Wo mich mein Weg entlang geführt hat in all den Jahren des Seins. All die Bilder, die Geschichten und die Menschen dahinter. All das Erlebte, das Gedachte, das Gefühlte. Ich habe es abgestreift. Hier ein Stück. Da ein Stück. Dort ein Stück.
Bis irgendwann kaum noch eine Erinnerung da war.
Ich leer war. Eine Hülle? Vielleicht?
Das Gesicht welches ich damals noch kannte, musste einer Maske weichen. Meine Haut bedeckt von einem Kostüm. Die Zeichen der Zeit versteckt. Zeichen eines Lebens, dass gelebt wurde. Bis dahin. Bis ich verlor. Erinnerungen. Mich.
Kann man schwimmen wieder verlernen?
Fällt es schwerer, je weiter man raus schwimmt oder hat man nur das Gefühl, weil die unendliche Weite auch die Angst mit sich bringt. Die Angst vor der Freiheit. Und davor, sie zu verlieren.

Jetzt muss ich sie wieder einsammeln. Muss die Wege in Gedanken zurücklaufen. Um zu füllen, was leer geworden ist. Um zu verstehen, wer ich bin. Und warum. Um mich der Angst zu stellen. Und um zu sehen, ob ich noch schwimmen kann.

Ich will die Gesichter wieder erkennen, will die Gefühle wieder spüren. Ich will verstehen. Ich will wieder sein, wer ich war. Wer ich bin. Schon immer.
Ich muss noch da sein. Irgendwo dort auf dem Weg. Irgendwo dort.
Ich bin noch nicht fertig, mit diesem Leben. Ich bin noch nicht fertig, mit träumen. Ich will mich noch einmal kennenlernen. Ich glaube, ich könnte mich mögen. Kämpferin, die ich war. Und vielleicht noch bin?

Und während ich die Kartons fülle und wieder leere, um sie erneut zu füllen, streifen meine Gedanken durch meine Erinnerungen. Das was davon noch da ist.
Um mich herum das Chaos meines Lebens. Es könnte kaum größer sein. Es ist ein aussortieren, ein umsortieren, ein entsorgen und ein neu entdecken. Mit, darf nur das, was wirklich wichtig ist. Das, was ich wirklich bin. Die Erinnerungen, die wirklich mein sind.

So viele Gesichter ziehen vorbei an meinen Augen. Namen wandern über meine Lippen. Leise in das Chaos hinein gehaucht. Ich kenne sie alle. Ich habe nicht vergessen, nicht ganz. Da sind Orte und Situationen. Lebensstationen. Da sind Menschen, die ein Stück des Weges neben mir herliefen und Menschen, die wieder verschwanden. Manche haben schwimmen gelernt, und andere sind geflogen. Ich musste sie ziehen lassen. Und nun lasse ich sie noch einmal ziehen.
Da ist ein Reißen in meinem Herzen.
Ein längst vergessener Schmerz.
Es ist, als würde ich sie noch einmal verlieren.
Doch der Schmerz macht auch, dass ich heile.
Das ich werde.

Es sind die Erinnerungen, die uns sein lassen.
Die schmerzhaften und die wunderschönen.
Manche von ihnen lassen uns zersplittern und wieder andere setzen uns wieder zusammen.
Aber sie alle gehören zueinander. Die einen können ohne die anderen nicht existieren. Freude und Leid so nah beieinander. Das ist es was Leben ist. Das Ganze. Das Echte. Das Wilde und das Raue.
Das ist es was ich will. Endlich wieder.
Ich sehne mich danach. Endlich wieder zu sein.
Und wenn es bedeutet, erst zu fallen um wieder aufzustehen, dann breite ich die Arme und lasse mich fallen. Hinein in meine Arme voller Erinnerungen.
Die schönen werden mich tragen. Und zusammensetzen.
Am Ende.

Weil man schwimmen nicht verlernen kann.
Und auch das laufen nicht.

Niemals.





(gedankenfetzen die sich fortsetzen. immer weiter. und weiter. bis am ende der vorhang fällt.)

Freitag, 5. Februar 2016

. freier fall


und wenn ich falle,
dann wenigstens frei.


so reiße ich die mauern nieder, 
die mich halten.

aufhalten.

stein für stein, trage ich ab.

zerschneide fesseln, die ich mir selbst angelegt habe.
oder mir anlegen ließ?

und wenn hinter der mauer, am ende des weges, ein abhang kommen sollte,
dann nehme ich anlauf und springe.

breite die arme, wie flügel.

und lasse

mich

fallen.


frei.



itchy poopzkid | i believe

Montag, 1. Februar 2016

. gedankenfetzen | no. 2


Der Tag treibt sie innerlich voran. Sie müsste, sollte doch, jetzt und in diesem Moment, längst schon nicht mehr hier sitzen. Das Leben verlangt nach ihr. Der Tag zieht und zerrt. Reißt ihr die Erinnerungen aus den Armen. Durchdringt ihre Gedanken und wirbelt alles durcheinander. Das müssen und sollen wird immer größer. Die Unruhe lässt nicht zu, dass ihr Füße auch nur einen Moment, länger stillstehen. Den letzten Schluck Kaffee noch auf der Zunge bahnt sie sich ihren Weg zurück. Begibt sich auf die Suche nach ihren Kleidern. Der Hülle, mit der sie sich tagsüber umgibt. Das Kostüm. Sie streift es über, das viel zu laute Ich. Alles in ihr scheint sich dagegen zu wehren und doch ist es das einzige was sie seit Jahren kennt. Die einzige Maske, die sie hat. Darunter, ein leises, kaum wahrnehmbares Sein.

Und doch, heute, an diesem Tag scheint es, als wäre das Laute noch viel lauter. 
Als wäre die Maske so viel enger. Als würde ihr die Luft wegbleiben.
Kaum Platz zum atmen. Jeglicher Raum, zum sein, verblasst. Sie sieht sich immer mehr schwinden. Verschwinden. 
So wie ihre Träume, wie ihre Erinnerungen.
Es ist ein verlieren. Sich selbst und all das, was sie ausmacht. Der Moment der Erkenntnis hinterlässt unsichtbare Tränen in ihren Augen. Sie bahnen sich ihren Weg über ihre Wangen. Fallen. Und fallen.

Da ist sie, die Angst. Angst das gekannte loszulassen. Türen hinter sich zu schließen. Ist es doch soviel sicherer einfach da zu bleiben, wo sie gerade steht. Den immer selben Weg zu gehen. Die leisen Töne zu überhören.
Wenn man sich einmal verloren hat, vergisst man, und vielleicht vermisst man dann auch nicht. 
Und so lässt sie. Sich. Zurück.
Ihre Finger umfassen den Schlüssel, ihr Beine laufen zur Tür. Ein straucheln. Ein stolpern. Ein fallen. 
Und sie fällt, fällt, fällt. Und fällt.
Der Aufprall auf dem Boden lässt die letzte Luft aus ihren Lungen entweichen. Die Maske splittert, das Kostüm reißt. Und etwas löst sich in ihr. Ein Schrei. Ein leiser, einsamer Schrei. Der all das Laute um sie herum übertönt. 
Für einen kurzen Moment. Eine kleine Ewigkeit.
Und da sitzt sie, zerschlagen, allein, verloren und doch da.
Der Spiegel, angelehnt an einen der vielen Kartons, zeigt ein Gesicht. Ihr Gesicht. Und in ihm, einen Hauch von dem Menschen der zu sein, sie bestimmt ist. Ein Flackern nur in ihren Augen. Aber er ist da. Dort irgendwo. Irgendwo in ihr drin. Und vielleicht ist der Moment gekommen ihn zu suchen. Sich selbst wiederzufinden. Den Lauf noch einmal zu wagen. Den Träumen und Erinnerungen hinterherzujagen. Ja, vielleicht. 
Da ist kaum mehr etwas zu verlieren. Weil da kaum mehr etwas ist.

Sie schlägt die Hände vors Gesicht, ein Schluchzen durchfährt sie. Ein tiefer Atemzug. Das Luftholen fällt schwer. So schwer. Als wenn sie es erst von neuem lernen müsste. Mit wackeligen Knien bringt sie sich auf die Beine. Eine Hand an der Wand, um nicht erneut zu fallen. Um nicht den Mut zu verlieren. Das letzte bisschen, zaghaften Mutes.
Sie lässt die Maske und das Kostüm zurück, ihre Schritte folgen den leisen Tönen. Im vorbeigehen greifen ihre Finger den Stift und das Heft auf ihrem Schreibtisch. Ihr Blick fällt auf die Nische am Fenster. In weichen Tropfen taumelt der Regen auf die Erde.

Sie würde heute nicht hinaus gehen und sich der Welt stellen. Heute nicht. Noch nicht. Heute würde sie hier sitzen, dem Regen lauschen und ihre Gedanken als Worte aufs Papier fallen lassen. Heute würde sie den leisen Tönen in ihrem Herzen zuhören, den verloren geglaubten Träumen und Erinnerungen nachjagen. Einmal mehr. 
Um sich selbst dabei zu finden. Wiederzufinden.



(gedankenfetzen die sich fortsetzen. immer weiter. und weiter. bis am ende der vorhang fällt.)

Donnerstag, 28. Januar 2016

. sondern, ihr mut


'whatever it is you're scared of doing, do it.'
-neil gaiman-

es ist die angst, die lähmt.
die sie verweilen lässt.
in dem, was ihr bekannt ist.
in der sicherheit des stillstands.

angst, falsch zu sein.
angst, nicht zu genügen.
angst, zu stolpern.

zu fallen.

sich die knie aufzuschürfen.
knochen brechen so leicht.
der schmerz vergisst nie.

und doch, nimmt sie all ihren mut.
und springt.
immer wieder.
hinein in das leben.

in der hoffnung, dass ihre träume sie tragen werden.
sie fliegen kann.
das wunden heilen und knochen wieder zusammenwachsen.

es ist ihr mut, der sie träumen, tanzen und den sprung immer wieder wagen lässt.
weil dieses gefühl, des fliegens, unendlich ist.

weil sie, nur dann, ist.
wer sie wirklich ist.

weil sie nicht, ihre angst, ist.
sondern.

ihr mut.


steine | bosse

Montag, 25. Januar 2016

. gedankenfetzen | no.1




Im Wandel.


Die Augen müde von ihrer langen Reise durch die Nacht. Sie ist ihren Träumen nachgelaufen, in der Hoffnung sie einzufangen. Sie kann es noch spüren. In ihren Gliedern. In der Schwere ihrer Muskeln. Immer weiter ist sie gelaufen. Und weiter. Immer schneller und schneller. Und dann, noch ein bisschen schneller. Und mit jedem Schritt wuchs das Gefühl, dass der nächste sie zum fliegen bringen könnte. Fast schwerelos. Den Blick fest an ihre Träume geheftet. Um sie nicht zu verlieren. Um sich nicht zu verlieren. Auf ihrem Weg durch die Nacht.

Schlaftrunken hinterlässt sie Spuren auf ihrem Weg. Vor ihr, Traumgespinnste. Gesponnen aus Hoffnungen, Ängsten & Wünschen. Und während sie in dem einen Moment zum greifen nah erscheinen, verflüchtigen sie sich im nächsten Augenblick. Als würde ein Blinzeln sie fortwischen. Ein Muskelzucken sie wegschleudern. Tiefer hinein in die Nacht, während der frühe Morgen schon naht. Ein weiteres Blinzeln und ihre Füße verlieren ihren Halt. Der Blick verwischt und mit ihm die Sicht auf ihre Träume. Kaum mehr wahrzunehmen, sind sie. Viel zu weit weg. So. Weit. Weg.

Die Sonne schiebt sich leise in den Morgen hinein und ihre Lider flattern. Noch ein kurzer Blick zurück. Wehmütig fast, mit dem Gefühl auf dem Weg etwas verloren zu haben. Sie schlägt die Augen auf und mit leeren Händen liegt sie in ihrem Bett zwischen all den, noch traumwarmen, Kissen.

Ein Gefühl der Leere breitet sich in ihr aus. Zu wissen, dass etwas fehlt, lähmt. Lässt die Glieder noch schwerer werden, verschließt ihre Augen erneut. Der Wunsch danach, sich die Decke über den Kopf zu ziehen, dem hier und jetzt noch einmal zu entfliehen und ihre Träume vielleicht doch noch zu erhaschen, wächst mit jedem Atemzug.

Und doch weiß sie, der Moment des Aufstehens naht unausweichlich. Sie muss dem Tag gegenübertreten, mit leeren Händen. Nur der vage Gedanke an das was ihre Träume sein könnten ist noch da.
Und mit ihnen der Hauch einer Ahnung, wer sie ist.

Mit dem nächsten Atemzug öffnet sie ihre schweren Lider. Sammelt all den Mut den sie noch in sich finden kann, den die Nacht nicht auf ihrem Weg verschluckt hat, und schält sich aus ihrem Bett. Und es scheint als würde mit dem Abdruck ihres Körpers auch ein Stück von ihr selbst, auf der Matratze, zurückbleiben.

Sie stolpert vorwärts. Vorbei an den, noch zusammengefalteten, Kartons, in denen sie ihr Leben verstauen soll. Der Boden unter ihren Füßen ist eisig. Es scheint als würde ihr Atmen gefrieren, sobald er die innere Wärme ihres Mundes verlässt. Ein Frösteln. Ein Seufzen. Ein Straucheln und Stolpern. Schlaftrunken und den Gedanken der Nacht nachhängend bahnt sie sich ihren Weg. Sie streift durch die Räume, auf der Suche nach dem einen. Es ist ein Zuhause und doch nicht. Nicht mehr. Alles um sie herum ist im Aufbruch. Auch in ihr macht sich ein Gefühl des Umbruches breit. Vage nur, kaum greifbar und doch, da. Und während ihre Gedanken sich im Kreis drehen, wirbeln und sich winden, erreichen ihre Füssen diesen einen Raum. Ihre Rettungsinsel im Chaos des Lebens um sie herum. Die Küche, der einzige Raum wo alles noch an seinem Ort steht. Wo alles noch ist, so wie es war. Noch ein Stück zuhause wohnt.

Sie könnte sich mit geschlossenen Augen in ihr bewegen. Und vielleicht tut sie das auch. Jeder Handgriff sitzt. Die Kaffeetüte aus dem Regal wandert wie von allein in ihre Hand und von dort aus in die kleine Kaffeemühle an der Wand. Das mahlen, irgendwie beruhigend. Der Duft von frischen Kaffeebohnen steigt in ihre Nase und hinterlässt eine leise Spur der Erinnerung. Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen. Manche von ihnen sind nur ein Hauch von dem, was sie einmal waren. Und doch sind sie da. Vermischen sich mit der Sehnsucht nach ihren Träumen, nach ihr selbst. In dieser Sehnsucht gefangen, stellt sie die kleine Kanne auf den Herd und lauscht dem Kaffee beim aufkochen. Fragmente ziehen an ihren Augen vorbei. Leise Töne klingen in ihrem Ohr. Kaum hörbar, verdrängt das Laute sie doch schon seit so langer Zeit. Ungewollt. Oder doch gewollt. Es ist, als wüsste sie nicht mehr warum. Als hätte sie es in dieser Nacht vergessen.

Und während sie in ihrem Kopf immer noch nach einer Antwort sucht, verrichten die Hände ihre Arbeit und gießen den heißen Kaffee in einen der Becher. Sie umklammert ihn als wäre er das einzige, was sie noch in diesem Tag halten würde. Der Dampf steigt kräuselnd in ihre Nase und der erste Schluck fließt über ihre Zunge. Und es ist, wie ein kleines Stück ankommen. Für den Moment. Im Hier. Im Jetzt.



(gedankenfetzen die sich fortsetzen. immer weiter. und weiter. bis am ende der vorhang fällt.)

Donnerstag, 14. Januar 2016

. lebenslabyrinth




'und die schönsten wege waren noch immer die umwege.
schön orientierungs- und leinenlos.'
-bosse-


umwege. ich mochte sie schon immer viel mehr als die geradlinigen.
so ist mein leben durchzogen von umwegen.
und manchmal rolle ich die landkarte aus und betrachte sie von oben.

gehe in gedanken die wege noch einmal.
biege ab. stolpere. falle. und stehe wieder auf.
ich drehe um und laufe dabei gegen wände.
manche reiße ich nieder und manche mich.
dann bleibe ich liegen. schließe die augen. atme tief ein und sammle mut.
um weiterzugehen.
ich schließe türen und öffne andere.
manchmal verliere ich mich dabei - um mich dann neu zu finden.
ich spüre die einsamkeit der straßen.
die unendlichkeit des weges. 

ich versuche die schritte zu zählen.
und verzähle mich dabei.
immer wieder.
was vor mir liegt ist ungewiss.
den kompass hab ich irgendwo am wegesrand liegen gelassen.

der rucksack auf meinen schultern drückt. zu groß ist sein gewicht. 
zuviel habe ich eingesammelt, auf meinem weg.
er lässt meine schritte schwer werden, mich stolpern.
und ich falle, einmal mehr.
kleine steine bohren sich in meine hände und knie.
es ist an der zeit balast abzuwerfen.
zurückzulassen, was mich hält.

und während ich den rucksack leere, jedes stück in die hände nehme, es drehe und wende.
mit erinnerungen betrachte.
und weglege.
wird mein herz leichter. 
mein blick mutiger.
die wunden an händen und knien heilen.
und ich auch.

es braucht so wenig und so vieles nicht.
am ende, brauche ich nur - mich.
mich und ein paar träume.
ein wenige hoffnung.
mut.
beine, die mich tragen.


und so schultere ich meinen rucksack neu.
lasse zurück und lege in erinnerungen ab.

und laufe. weiter.
in meinem lebenslabyrinth.
mein mut wächst. und ich über mich hinaus.
leichtfüssig.
fast so, als würde ich fliegen.
können.

manchmal drehe ich mich um, schaue zurück.
in meinem blick liegt wehmut, trauer, schmerz.
aber auch glück, dankbarkeit und hoffnung.
wohl wissend, dass rückblickend, alles genauso ist, wie es sein soll.
das alles gut ist. 
alles seinen sinn hat.
und mit diesem wissen, gehe ich meine wege.
meine umwege.

denn ohne sie, wäre ich nicht, wer ich bin.
würde ich nicht werden, wer ich sein soll.
und ich wäre nicht, wo ich bin.
hätte aus fehlern nicht gelernt und einsamkeit nicht überwunden.
ich hätte meinen tellerrand nicht gefunden und nie darüber hinaus geschaut.
ich würde nicht hinterfragen und nicht loslassen.
meine beine wäre nicht so stark, wie sie sind.
und mein willen nicht so unbändig.
meine träume wären nur träume.
viel zu viele an der zahl.
aber ich hätte nie den mut, zu leben.
das leben zu leben.

ich wüsste nicht, was es heißt zu verlieren und würde das große glücksgefühl des sieges nicht kennen. 
des angekommen seins.

und ich bin angekommen. nicht am ende. nicht am ziel. noch lange nicht.
und vielleicht gibt es dieses ziel auch überhaupt nicht.
vielleicht werde ich bis zum ende meiner zeit die umwege in meinem labyrinth laufen.
und dennoch bin ich angekommen.
bei mir.
ein stück weit.
vielleicht war und bin immer ich das ziel.
vielleicht ist der einzige sinn, mich zu finden.
mich immer wieder zu finden.
und mich sein zu lassen.
wer ich bin.

vielleicht führt jedes scheinbare herumirren nur dazu, herauszufinden wer ich bin.
mit jedem schritt.
jedem umweg.


ein kleines stück mehr.



mein blick wandert über die landkarte meines lebens. mein labyrinth.
ich kann nur auf die wege blicken, die schon hinter mir liegen. 
was kommt, bleibt mir verborgen.
und das ist gut so.
ich wöllte es nicht wissen.
lieber will ich im ungewissen, meine runden drehen.
mit einem lächeln in den augenwinkeln.
und dem kleinen optimisten in mir, der weiß.
weil er gelernt hat, zu hoffen.

und


zu leben.





Montag, 21. Dezember 2015

. adventskalenderworte


worte.
ich liebe sie.
weil sie etwas wunderbares sind. etwas großes. etwas gewaltiges.
weil sie berühren, da, wo es weh tut. wo es gut tut. 
sie können heilen und verletzten.
zusammenfügen und zerreissen.

sie sind das, was bleibt, wenn nichts anderes mehr da ist.
worte.
gesprochen.
geschrieben.
gesungen.
gedacht.
geträumt.

geschwiegen.


das schönste geschenk für mich, sind worte.
in welcher form auch immer.

meine gedanken sind immer auf der suche nach neuen
worten.


und manchmal finde ich sie. 
in einem lachen.
einem blick.
dem moment.

oder in einem buch. einem blog. einem magazin.






anselm und lina hatten eine idee. eine wundervolle, große idee.
und nun gibt es da ein magazin. ein ganz besonderes magazin.
voll mit worten und bildern. damit sie nicht verschwinden in den weiten des internets.
damit sie greifbar werden und bleiben.
denn worte, die greifbar sind, sind unendlich.

worum es geht, könnt ihr hier nachlesen.

und hier findet ihr einen adventskalender.
jeder tag, ein blog - ein geschenktip.

es lohnt sich vorbeizuschauen. falls ihr noch ein geschenk sucht.
für jetzt, oder später. oder wann auch immer.

mein geschenktipp befindet sich hinter dem heutigen türchen.
worte. was sonst.


und für alle, die das archiv/e noch nicht zuhause haben, oder es gerne verschenken wollen, gibt es im archiv/e shop heute 15% rabatt 
(Code:  adventsarchive). 

Dienstag, 1. Dezember 2015

. 42,195





manchmal braucht es zeit bis sich worte finden.
worte für gefühle die unendlich und groß waren. es immer noch sind.

weil sie überwältigen, die gefühle.
weil sie tief sind und echt und gewaltig.
weil sie verändern. 
immer wieder.

nun ich sitze hier und tränen rollen meine wangen hinunter.
weil ich mit jeder erinnerung daran alles noch einmal spüre.
jeden schritt noch einmal setze.
da ist sie plötzlich wieder, die gänsehaut und die aufregung. plötzlich pocht das herz wieder ganz schnell und laut. 
fast so als würde es jeden moment herausspringen. vor freude. vor lauter glück. 
so viele emotionen. gefühle, die kaum zu beschreiben sind. 
erinnerungen die mir keiner nehmen kann.

den blick nach oben. hinein ins ziel. gelaufen für alle die, die nicht mehr an meiner seite sind. für das leben. für den willen. die hoffung. für mich. meine liebsten. um mir selbst und dem diabetes zu zeigen, ich kann. weil ich will. ein großer traum, der sich erfüllt hat, weil ich einen schritt vor den nächsten gesetzt habe. über meine grenzen hinaus. die angst hab ich unterwegs verloren. der wille ungebrochen.
mit einem lachen im gesicht. im herz.
es fühlte sich groß an. so groß.

und genau jetzt spüre ich das wieder. 
ich fühle mich unendlich. 
und wenn ich meine augen schliesse, dann bin ich wieder dort.
in den straßen berlins. umgeben von menschen die mit mir laufen. freunde, für ein paar kilometer. unbekannte bekannte, die mich, singend und klatschend, tragen. schritt für schritt. kilometer um kilometer. den nächsten berg hinauf. um die nächste kurve. hinein ins ziel.
ich höre meinen namen, immer wieder. am wegesrand klatschen sie für uns. für mich.
und wir laufen. ich laufe. weiter. und weiter. und dann noch ein stück.
berlin, du warst so gut zu mir.

man sagt, derjenige, der einen marathon läuft, ist danach nicht mehr der, der er davor war.
sie haben recht. es stimmt. diese 42,195 km haben mich verändert.
mit dem startschuss bin ich auf eine reise gegangen. habe mich unterwegs verloren und wiedergefunden. 
bin über mich hinaus gewachsen und hab all meinen mut in jeden schritt gelegt. 
das ziel vor augen. 
der weg war das ziel.

da waren immer wieder freudentränen, die meine wangen hinab liefen. 
vermischt mit dem salz auf meiner haut haben sie sich in meinem lachen verloren.
da war kein straucheln. da war kein stolpern. da war kein zögern. 
und niemals ein 'ich schaff es nicht'.
da war immer nur ein 'ich kann. ich werde. ankommen.'

und ich bin angekommen.
am ende.
im ziel.

an stärke gewonnen. hoffnung für ein ganzes leben im herzen. gewachsen. innerlich.
das wissen, ich habe es geschafft. 
und irgendwie, kann ich nun alles schaffen. 
alles.

weil ich will.
einfach, weil ich will.




heute kam dann diese mail. ein 'du bist dabei'.
nun laufen sie wieder, die tränen. 
und in gedanken laufe ich jeden kilometer noch einmal. im herzen.
dann, im nächsten jahr, wieder dort, in berlin.

berlin-marathon 2016 - ich freu mich so unendlich auf dich.



42. berlinmarathon - a special day

enno bunger - renn!

joris - neustart